Wie oft kann man eigentlich neu anfangen, bevor es peinlich wird?

Ich glaube, wir müssen mal wieder über mein Projekt Zuckerfrei sprechen. Oder besser gesagt: über die kleinen (und manchmal auch etwas größeren) Rückfälle, die offenbar genauso zu diesem Projekt gehören wie… na ja… die Mezzo Mix selbst. 🙈

Wer hier schon länger mitliest, weiß wahrscheinlich, dass ich dieses Projekt inzwischen schon mehrmals gestartet habe. Und genauso oft gab es zwischendurch wieder Rückschläge. Oder nennen wir das Kind einfach beim Namen: Rückfälle.

Jedes Mal war ich wahnsinnig enttäuscht von mir selbst. Nicht unbedingt, weil ich mal eine Mezzo Mix getrunken habe, sondern weil aus „Ach, nur die eine…“ erstaunlich schnell wieder „Na gut, dann halt jeden Tag.“ wurde. Mein Gehirn kennt da irgendwie nur zwei Zustände: gar nicht oder komplette Eskalation. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht, ob ich das überhaupt möchte. Also komplett verzichten. Viel lieber würde ich endlich einen Weg finden, auf dem ich mir auch mal eine Mezzo Mix gönnen kann, ohne danach wieder komplett darin zu ertrinken. (Ja, das Wortspiel war beabsichtigt. Ich konnte einfach nicht widerstehen.)

Im Juni habe ich von 30 Tagen gerade einmal 13 Tage ohne Mezzo Mix geschafft. Als ich die Zahl gesehen habe, war mein erster Gedanke natürlich: „Na super. Nicht mal die Hälfte.“ Im Juli sah es leider sogar noch schlechter aus. Wenn es hoch kommt, habe ich bisher vielleicht fünf Tage ohne dieses Getränk geschafft. Das aufzuschreiben, fühlt sich ehrlich gesagt schon ein bisschen unangenehm an. Aber genau darum geht es bei diesem Projekt ja auch: ehrlich sein. Nicht nur dann, wenn es gut läuft. Die Monate danach habe ich aus Gründen nicht mehr dokumentiert.

Ich gönn mir das jetzt. Oder auch: Die beste Ausrede der Welt.

Und wenn ich ehrlich bin, wundern mich diese Monate auch gar nicht so sehr. Da war erst einmal der ganze Stress mit der neuen Arbeit. Dann der Frust darüber, dass ich ziemlich schnell gemerkt habe, dass dieser Job und ich einfach nicht zusammenpassen. Dazu kamen die Rückenschmerzen, die mich teilweise komplett ausgebremst haben, und irgendwann war ich an dem Punkt, an dem mein Gehirn sich dachte:

„Du hattest einen blöden Tag. Du hast dir jetzt eine Mezzo Mix verdient.“ und „Komm, nimm dir eine zweite Flasche. Du brauchst das jetzt.“

Blöd nur, dass mein Gehirn diesen Satz offenbar jeden Tag sagen kann. Stress? Verdient. Frust? Verdient. Rückenschmerzen? Erst recht verdient. Heute ist Mittwoch? Ach komm, verdient. Ich glaube, ihr versteht, worauf ich hinaus möchte.

Ich merke immer wieder, wie schnell dieses „Ich gönn mir jetzt was“ bei mir zur Gewohnheit wird. Und genau das ist eigentlich mein Problem. Nicht die eine Flasche. Sondern die zehn danach. Ohne Witz, so eine 12er Kiste ist in 3 Tagen weg. Wie so ein Alkoholiker, nur ohne Alkohol. Es ist einfach nur traurig.

Das Trinken an sich fällt mir dabei übrigens überhaupt nicht schwer. Ich komme täglich locker auf drei bis fünf Liter. Während der Arbeitszeit sieht das allerdings schon seit Jahren ganz anders aus. Eigentlich schon seit meiner Schulzeit habe ich die Angewohnheit, unterwegs oder bei der Arbeit kaum bis gar nichts zu trinken. Mittlerweile habe ich mir immerhin angewöhnt, auch dort mehr zu trinken. Wenn ich während einer Schicht eine Flasche schaffe, reicht mir das auch erst einmal. Und ganz ehrlich: Aus der Vergangenheit weiß ich auch, dass zu viele Pipi-Pausen bei der Arbeit nicht unbedingt überall gut ankommen. Da wird dann hinterm Rücken schon mal über Arbeitszeitbetrug geredet. Ja, lol. So habe ich auch geguckt. 🙃

Die eigentliche Trink-Eskalation beginnt deshalb meistens erst nach Feierabend zu Hause. Und das Verrückte ist: Ich trinke dann häufig nicht einmal, weil ich wirklich Durst habe. Es ist eher dieses ganz bestimmte Gefühl von: DAS BRAUCH ICH JETZT. Genau wie bei diesem „Ich gönn mir das jetzt“. Nur eben flüssig und mit ziemlich viel Zucker.

Und dann steht manchmal während der Schicht ein Kollege oder eine Kollegin vor mir und schlürft ganz entspannt die eigene Spezi oder Mezzo Mix. Und ratet mal, wer sich zum Feierabend plötzlich eine Flasche aus dem Regal für den Heimweg holt. Ich steige ins Auto, starte den Wagen, öffne parallel die Flasche – und bis ich an der ersten Ampel stehe, ist die Hälfte davon schon weg, weil ich so einen komplett bescheuerten Janker darauf hatte. Funfact: Diese Ampel ist vom Parkplatz vielleicht 250 Meter entfernt. 😅

Also ja. Völlig normaler und entspannter Umgang mit Mezzo Mix offensichtlich…

Aufgeben wäre einfacher.

Trotzdem möchte ich dieses Projekt nicht schon wieder als gescheitert abstempeln. Ja, der Juli war bisher alles andere als erfolgreich. Ja, auch der August und September. Ja, ich bin ein bisschen genervt von mir selbst. Und ja, ich hätte euch heute lieber erzählt, dass ich mittlerweile seit Wochen komplett ohne Mezzo Mix lebe.

Tue ich aber nicht. Denn das wäre schlicht gelogen. Ich versuche auch nach diesem Rückfall trotzdem wieder, die Kurve zu kriegen. Dass ich eben nicht denke: „Jetzt ist sowieso alles egal.“ Ob ich irgendwann ENDLICH den perfekten Mittelweg finde, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich lieber zum zwanzigsten Mal neu anfange, als irgendwann zu akzeptieren, dass ich täglich in Mezzo Mix ertrinke. Auch wenn mein Gehirn das offenbar für einen völlig vernünftigen Lebensstil hält…



11 Kommentare zu „Wie oft kann man eigentlich neu anfangen, bevor es peinlich wird?“

  1. Klingt nach toxischer Arbeitsatmosphäre, wenn Pieselpausen als Arbeitszeitbetrug ausgelegt werden. Aber das nur nebenbei.
    Per se halte ich Projekte wie „Zuckerfrei“ leben wollen für sinnlos. Irgendwo in der Kategorie, sich selbst bestrafen und quälen. Verstärkt wird das meist nicht mit einer Senkung des Süßniveaus sondern mit dem Griff in die Chemiekiste. Halte ich ebenfalls für falsch. Allerdings sollte man sich klar machen, dass Softdrinks grundsätzlich Genussmittel und keine Nahrungsmittel sind und demzufolge nur in kleinen Mengen genossen werden sollten. Bei mir war es früher Cola, die ich in Mengen konsumierte und was man mir bis heute ansieht. Da mir Wasser pur aber auch nicht schmeckt, hab ich nach und nach auf Schorle umgestellt. (Sprudel-)Wasser 6 Teile, gute Säfte oder Limo 1 Teil. Funktioniert mit Cola oder MezzoMix nicht, aber mit qualitativ hochwertigeren Sachen schon. Ernährungsumstellungen sind immer besser als Diäten. Aber man muss da auch an seinen eigenen Paradigmen arbeiten.

    1. Ja, der Kopf ist halt leider oft der größte Feind. 😅 Eigentlich weiß man genau, wie es besser wäre – machts aber trotzdem anders…

      1. Daran gilt es dann zu arbeiten. Allerdings muss einem der Fehler auch erstmal bewusst sein, den man ablegen will.

        1. 👍

  2. „Heute ist Mittwoch? Verdient.“ ist vermutlich der Punkt, an dem die Belohnung endgültig die Kontrolle übernommen hat.

    Immerhin hat Mezzo Mix damit ein beneidenswert simples Geschäftsmodell: irgendeinen Grund findet das Gehirn schon. 🦌

    1. Ja, leider. 😓

  3. Sei nicht so hart zu dir selbst, es wird niemals peinlich sein, einen Rückfall zu haben. Mittlerweile existieren ja etliche Studien dazu, dass Zucker tatsächlich süchtig machen kann. Da kannst du also nicht unmittelbar was dafür, das hängt viel mit dem Hirn und dem dortigen Belohnungssystem zusammen. Besonders bei all dem Stress, den du schon so lange einfach nicht loswirst, wundert es mich überhaupt nicht, dass es hier und da mal Rückfälle gibt.

    Und dennoch: FIGHTING!
    Du packst das! ᕙ( •̀ ᗜ •́ )ᕗ

    1. Jaaaaa! Aber jeder neue Anfang fällt mir auch nicht leichter oder schwerer. Immer Situationsbedingt 🙈😆

  4. Ich kenne das Gefühl nur zu gut und finde mich in deinen Worten sehr wieder – bei mir sind es eher herzhafte Sachen, irgendwann mal waren es für (zu) viele Jahre Zigaretten. Mein Gehirn ist ohnehin eher dopaminbefreit und sich auf eine bestimmte Sache zu fixieren (und sich selbst immer wieder zu veräppeln, um sich irgendeine Rechtfertigung aus den Fingern zu saugen, sie zu doch konsumieren zu dürfen) ist mir sehr vertraut.

    Was mir sehr geholfen hat, ist, diese vermeintlichen Ausrutscher nicht mehr als das Ende eines Aufhör- oder Änderungsversuchs, sondern als Teil des Prozesses zu sehen. Rückschläge gehören dazu und setzen den Zähler nicht zurück, sondern bestätigen nur, dass ich gerade dabei bin etwas zu verändern, was mir nicht leicht fällt. Der Weg endet nicht mit dem Moment der Schwäche – stattdessen sind sie Meilensteine.

    So oder so wünsche ich dir auf jeden Fall, dass du einen gesunden und für dich guten Weg findest!

    1. Das mit den Rückfällen als Teil des Prozesses statt direkt als komplettes Scheitern zu sehen, muss ich mir echt öfter vor Augen halten. Ich bin nämlich leider sehr gut in diesem „ach komm, jetzt ist es auch egal“-Ding und darin, mir selbst irgendwelche ziemlich kreativen Rechtfertigungen zusammenzubasteln. 😅 Deshalb mag ich deinen Gedanken mit den Meilensteinen echt gern. Danke dir für deinen lieben Kommentar! ✨

  5. Weißt du, bei mir ist das der Kakao. Ich merke immer wieder, dass ich ihn morgens brauche. Und er muss so richtig schokoladig sein, so dass ich ihn regelrecht löffeln kann. Fakt ist: Meine Verdauung funktioniert dann am Morgen besser (mal nett formuliert). Ohne ist das leider schwieriger. Aber es ist auch eine enorme Kalorienbombe am Morgen direkt schon und so habe ich das auch schon locker seit 15 Jahren, das sich immer und immer wieder versuche mir das abzugewöhnen. Das geht dann ein paar Wochen echt gut und dann zack, wieder voll drin in der Zucker-Routine… ich fühle also mit dir.

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