Es ist mal wieder Sonntag und damit Zeit für ein paar Sonntagsgedanken. Heute geht es um etwas, das mich aktuell vermutlich ein bisschen mehr beschäftigt, als es eigentlich sollte: Langeweile bei der Arbeit. Oder Unterforderung. Oder Zeit totschlagen. Oder… keine Ahnung, irgendwas dazwischen.
Wahrscheinlich denke ich darüber auch nur so viel nach, weil ich in letzter Zeit deutlich mehr Spät- als Frühschichten hatte. Und wie wir alle wissen: Weniger zu tun bedeutet automatisch mehr freie Kapazitäten fürs Gehirn. Normale Menschen denken dann vielleicht: Ach schön, bisschen entspannter heute. Mein Gehirn dagegen: Perfekt. Dann können wir jetzt ja mal wieder sämtliche Lebensentscheidungen seit 2007 auseinandernehmen. 🙃 Overthinker-Modus erfolgreich aktiviert.
Noch sechs Stunden. Noch vier. Noch… Hilfe.
Ich erwische mich bei der Arbeit erstaunlich oft dabei, auf die Uhr zu schauen. Noch sechs Stunden. Eine gefühlte Ewigkeit später: Ah. Schön. Erst 17 Minuten vergangen. Irgendwann sind es dann noch vier Stunden und mein Kopf fängt an, die verbleibende Zeit strategisch zu verwalten, als müsste ich eine Mondmission koordinieren. Was mache ich jetzt? Was mache ich danach? Wie lange kann ich Aufgabe X möglichst vernünftig erledigen, ohne in 40 Minuten fertig zu sein und anschließend den Fehler zu machen, irgendwo sichtbar herumzustehen?
Denn das Kuriose ist: Ich habe eigentlich genug zu tun. Ich sitze nicht acht Stunden in einer Ecke und beobachte, wie ein Salatkopf langsam welk wird. Es gibt Ware, es gibt Aufgaben, es gibt Dinge, die erledigt werden müssen. Und trotzdem fühlt es sich manchmal einfach… frustrierend öde an. Ist das ein offizieller Begriff? Keine Ahnung. Ab heute schon. Es ist teilweise körperlich anstrengend und gleichzeitig schafft es mein Kopf trotzdem, sich zu langweilen. Auch eine Leistung. Körper: Wir schleppen hier übrigens gerade Kisten. Gehirn: Ja, schön. Aber meinst du eigentlich, du hast im Leben die richtigen Entscheidungen getroffen? Danke für nichts. 😅
In der Frühschicht habe ich dieses Gefühl deutlich weniger. Die ersten Stunden vergehen meistens wie im Flug, weil einfach nonstop irgendwas passiert. Ware kommt, Ware muss raus, hier fehlt etwas, dort muss etwas gemacht werden und plötzlich sind ein paar Stunden weg. Herrlich. Keine Zeit zum Denken. Mein persönliches Wellnessprogramm. Nachmittags sieht das Ganze anders aus. Dann macht man gefühlt vor allem noch das, was vom Vormittag übrig geblieben ist oder eben später noch anfällt. Hier etwas auffüllen, da etwas nacharbeiten, zwischendurch gucken, was noch fehlt und irgendwann wieder auf die Uhr schauen. Und theoretisch könnte ich viele meiner Aufgaben wahrscheinlich auch deutlich schneller erledigen. Aber da beginnt das nächste Problem: Warum sollte ich?
Herzlichen Glückwunsch, du warst schnell. Hier ist mehr Arbeit.
Natürlich könnte ich richtig Gas geben. Ich könnte meine Aufgaben in Rekordgeschwindigkeit erledigen, anschließend mit leuchtenden Augen durch den Markt laufen und fragen: „Braucht noch jemand Hilfe?“ Denn schneller fertig zu sein bedeutet ja nicht: Wow, Tatj, richtig stark. Geh ruhig zwei Stunden früher nach Hause. Nein. Es bedeutet eher: Herzlichen Glückwunsch. Du hast bewiesen, dass du Kapazitäten hast. Hier sind sieben neue Aufgaben. Geiles System eigentlich. 😂
Und genau auf diese Schiene habe ich keine Lust mehr. Ich möchte meine Arbeit ordentlich machen. Nicht langsam, nicht schlampig, nicht nach dem Motto wird schon keiner merken. Einfach ordentlich. Ich möchte das erledigen, wofür ich da bin, und am Ende meiner Schicht mit einem guten Gewissen meine Sachen nehmen und nach Hause fahren. Mein berufliches Lebensziel ist mittlerweile wirklich erschreckend simpel: Arbeiten. Feierabend. Kopf aus. Keine Verantwortung für drölf andere Menschen. Kein „Kannst du noch eben…?“, kein „Du kennst dich doch damit aus“ und kein „Mach du mal, du kannst das so gut“. Danke. Genau wegen solcher Sätze habe ich früher wahrscheinlich viel zu oft irgendwo gestanden und plötzlich Aufgaben gemacht, die ursprünglich überhaupt nichts mit mir zu tun hatten. 🤡
Das Problem ist nur: Mein People-Pleaser-Hirn hat dieses neue Konzept noch nicht vollständig verstanden. Denn sobald ich mit meinem Bereich halbwegs durch bin, kommt dieses kleine Arschloch im Kopf wieder um die Ecke. Du könntest doch helfen. Die anderen haben bestimmt noch genug zu tun. Was denken die, wenn du gerade nicht komplett gestresst aussiehst? Vielleicht hält dich jemand für faul. Und dann darf der halbwegs vernünftige Teil meines Gehirns erklären: Tati. Andere machen das doch auch nicht. Genau das ist ja der Punkt. Andere ziehen teilweise eine ziemlich klare Grenze zwischen meine Aufgabe und nicht meine Aufgabe. Nicht einmal böse. Die denken offenbar einfach: Dafür bin ich nicht eingeteilt. Ende. Kein dreistündiger innerer Dialog darüber, ob man jetzt ein schlechter Mensch ist, weil man nicht freiwillig fremde Aufgaben übernimmt. Ich finde dieses Konzept faszinierend. Vielleicht sollte ich einen Kurs buchen.
Ich könnte mehr. Das heißt nicht, dass ich mehr will.
Vielleicht ist genau das der Teil, der mich aktuell so beschäftigt. Ich weiß, dass ich mehr könnte. Mehr Verantwortung übernehmen, mehr organisieren, mehr mitdenken, mehr koordinieren, mehr Entscheidungen treffen und mehr Probleme anderer Leute zu meinen eigenen machen. Been there. Done that. Reicht auch irgendwann. Und vielleicht ist genau deshalb mein Wunsch mittlerweile so groß, das alles eben nicht mehr machen zu müssen.
Das heißt nicht einmal, dass mir meine Arbeit nicht gefällt. Eigentlich finde ich viele Teile davon vollkommen okay. Es gibt nur diese Momente, meistens irgendwo zwischen noch vier Stunden und ich habe jetzt schon zum fünften Mal dasselbe Regal angeschaut, in denen mein Gehirn plötzlich meint: Was mache ich eigentlich hier? Und weil kleine Fragen selbstverständlich nicht reichen, geht es direkt weiter mit: Was mache ich überhaupt mit meinem Leben? Soll das jetzt die nächsten 30 Jahre so gehen? Hat das irgendeinen Sinn? Junge. Ich wollte eigentlich nur wissen, was ich bis Feierabend noch mache. 😂 Von „Was fülle ich als Nächstes auf?“ zur Existenzkrise in unter einer Minute. Talent muss man haben.
Dabei muss Arbeit vielleicht gar nicht ständig irgendeinen tieferen Sinn erfüllen. Vielleicht darf ein Job tatsächlich einfach ein Job sein. Etwas, das Geld bringt. Etwas, das man vernünftig erledigt. Etwas, das nicht automatisch die eigene Persönlichkeit, Leidenschaft und persönliche Mission im Leben darstellen muss. Ich weiß. Revolutionärer Gedanke. Und trotzdem fällt es mir manchmal schwer, das einfach so stehenzulassen, weil irgendwo in meinem Kopf immer noch dieses Gefühl herumschwirrt, ich müsste mehr machen. Mehr leisten. Mehr wollen. Mehr Verantwortung übernehmen. Mehr aus meinen Möglichkeiten machen.
Dabei ist mein derzeitiger Wunsch eigentlich ziemlich genau das Gegenteil: Ich könnte mehr. Ich will aber nicht mehr müssen. Und vielleicht muss ich irgendwann lernen, dass das vollkommen okay ist. Dass ich eine Aufgabe nicht in Weltrekordzeit erledigen muss, nur um anschließend mit einem Lächeln fünf neue Aufgaben entgegenzunehmen. Dass ich nicht automatisch Hilfe anbieten muss, nur weil ich gerade zwei Minuten Luft habe. Dass nicht jedes Problem in einem Radius von 20 Metern sofort auch mein Problem wird. Und dass „Ich mache meine Arbeit vernünftig“ vielleicht tatsächlich reicht.
Jetzt müsste mir nur noch jemand sagen, wie man diesen verdammten People Pleaser deaktiviert. Werkseinstellungen zurücksetzen wäre auch okay. Hauptsache dieser Schalter steht irgendwann einfach mal auf: OFF. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. 😅
In diesem Sinne: Ich habe jetzt Urlaub. Spontan eine Woche. Ein bisschen Abstand vom Zirkus wird mir gut tun. YEY! 🎉








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